Magic Lanzarote 2017

Lucha Canaria

magic lanzarote kunst sport lanzarote lucha canaria

http://pinturamirazo.blogspot.com.es/2011/03/la-lucha-canaria.html

In welcher Sportart haben die Protagonisten häufig Sand im Mund, zerrissene Hosenbeine und, wenn sie nicht aufpassen, fliegen ihnen Geldstücke an den Kopf…?

Es handelt sich um den „Lucha Canaria“, den wohl traditionsreichsten Sport der Kanarischen Inseln (zusammen mit dem „Palo Canario“, einer Kampftechnik mit langen Stöcken), heute wie damals ein beliebtes Kräftemessen zwischen meist schwergewichtigen, muskulösen jungen Männern (und auch Frauen) zwischen La Graciosa und el Hierro.

 

Wurde der „Lucha Canaria“ von den Guanchen eingeführt,  die auch gern die „Altkanarier“ genannt werden, auch wenn das Wort „Guanche“ im ursprünglichen Sinne nur die Ureinwohner Teneriffas bezeichnet („Guan“ = Mensch und „Chinet“ = Teneriffa), oder gab es diesen Sport in einer rudimentären Form schon früher? Darüber sind sich die Historiker bis heute nicht ganz einig, vor allem natürlich, weil es nur wenige verlässliche Aufzeichnungen gibt. Von Alvar García de Santa María erhalten wir aus dem Jahre 1420 einen Hinweis auf die Grundregel des Ringens, „an dessen Ende einer der Kontrahenten mit einem anderen Körperteil als der Sohle des Fußes den Boden berührt“. Unter den Geschichtsschreibern herrscht heute die Meinung vor, dass der „Lucha Canaria“ weit früheren Ursprungs sein muss. Denn die Altkanarier unterhielten bekanntlich keine Kontakte zwischen den verschiedenen Kanarischen Inseln – und doch haben sich gewisse Grundregeln dieses Sportes auf allen Kanaren erhalten und durchgesetzt. Erstmals beschreibt Antonio de Viana unter dem Titel „Antigüedades Canarias“ im Jahre 1604 genau den Ablauf eines antiken Wettkampfs, des Lucha Canaria; auch in diesem alten Gedicht werden jene Gemeinsamkeiten beim Ablauf eines solchen Ringkampfes auf den verschiedenen Kanarischen Inseln deutlich, die auf eine lange interinsulare Tradition des Lucha Canaria hindeuten.

 

Ringkampf ist nicht gleich Ringkampf


Heutzutage vergleicht man den Lucha Canaria gerne mit dem japanischen Sumo-Ringen, dem Judo oder den olympischen Formen des Ringkampfes. Sicherlich gibt es Ringkämpfe, so lange es Menschen gibt, und die Lust oder Notwendigkeit, sich im Kampf zu messen, ohne einander zu töten. Beim genaueren Betrachten erkennt man viele Gemeinsamkeiten zwischen den verschiedenen Sportarten, versucht man doch allgemein, seinen Gegner mit Hebeln, dem Einsatz des eigenen Körpergewichtes und mit verschiedenen Techniken, Finten und Täuschungen zu überwinden. Aber allein schon das Ziel der diversen Arten des Ringkampfes definiert sich äußerst unterschiedlich: So geht es im Sumo darum, den Kontrahenten aus dem Ring zu befördern, beim Judo möchte man seinen Gegner aktionsunfähig machen. In den klassischen olympischen Ringkämpfen soll der Gegner am Boden „festgemacht“ werden bzw. unfähig sein, sich weiter zu bewegen. Nicht so beim Lucha Canaria: Hier gilt es einzig, seinen Gegenüber aus dem Gleichgewicht zu bringen, so dass er den Boden mit einem anderen Körperteil als der Fußsohle berührt. Niemals wird am Boden weitergerungen, und es gilt als unsportlich. Außerdem ist es gefährlich, beispielsweise nach Ende eines Kampfes noch auf den bereits besiegten und am Boden liegenden Kontrahenten zu fallen. Körperbeherrschung ist also gefragt, auch, um den anderen nicht zu verletzen.

 

Überhaupt ist gutes Benehmen und sportliche Fairness, die „nobleza“, ein wichtiger Bestandteil des Regelwerkes für den Lucha Canaria: Schon bei den jüngsten Protagonisten dieses Sports, den „benjamines“, erkennt man, dass die Trainer von Anfang an auf die Einhaltung sportlicher Fairness, Höflichkeit und korrekter Handlungsweise inner- und außerhalb des Rings achten. Es wird nicht geschrien und geschimpft, Aggression und jede Art von Schlägen sind nicht geduldet, die Entscheidungen des Schiedsrichters sind grundsätzlich anzuerkennen, dem geschlagenen Kontrahenten wird auf jeden Fall die Hand gereicht und ihm aus dem Sand geholfen. Nicht selten umarmen sich die Kontrahenten auch schon vor dem Kampf, zumindest ist dies im Training an der Tagesordnung. Und selbst die Kleinsten, begonnen wird etwa im Alter von 5 Jahren, haben diese Regeln offensichtlich schon intus, wie man auf den diversen Trainingsplätzen rund um die Insel beobachten kann.

Vom Festplatz in die Sporthalle


Vermutlich wurden Ringkämpfe nach Art des Lucha Canaria in früheren Zeiten unter anderem auch ausgetragen, um Streitigkeiten unter der Bevölkerung, beispielsweise um Landbesitz, zu klären. In den vergangenen drei Jahrhunderten, bis etwa in die 40er Jahre des vergangenen Jahrhunderts,  wurden Wettkämpfe zumeist als Höhepunkte von Dorffesten ausgetragen. Dabei maßen sich die Kräftigsten des Dorfes untereinander; auch waren Kämpfe zwischen den Mannschaften verschiedener Regionen der Insel beliebt. Seit Beginn des 20. Jahrhunderts durfte sich der Dorfbeste mit einem besonderen Titel schmücken: dem des „Pollo“. Joaquín María de Los Remedios Rodríguez y Cabrera  kürte man in den dreißiger Jahren zum vielbeachteten ersten „Pollo de Uga“.

 

Die Kämpfe wurden auf den Dorfplätzen auf dem so genannten terrero abgehalten, einem kreisrunden Areal von ca. 10 Metern Durchmesser, fast immer mit Sand bedeckt.

 

Daran hat sich bis heute fast nichts geändert, wenngleich der Dorfplatz modernen Sportstätten gewichen ist, überdachten Stadien mit Tribünen für oft mehr als 1000 Zuschauer. Dieser „Aufschwung“ des Lucha Canaria hin zu einer etablierten Sportart begann in den 40er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Sportvereine wurden gegründet und regionale Dachverbände. Im Jahre 1947 machten Teneriffa und Gran Canaria den Anfang, die „Delegación Insular de la Lucha Canaria de Lanzarote“ folgte im Jahre 1965. Diese regionalen Verbände sind der „Federación Canaria de la Lucha Canaria“ unterstellt, die am 13. Dezember 1986 ein einheitliches Regelwerk für den Kanarischen Ringkampf festlegte. In den 80er- und 90er Jahren, vor allem dank des wirtschaftlichen Aufschwunges durch den Tourismus auf den Kanarischen Inseln, wurden moderne Sportstätten gebaut, so dass heute fast jeder Ort auf Lanzarote seinen eigenen, meist überdachten, „terrero“ besitzt. Hier werden regelmäßig jene Veranstaltungen abgehalten, die zunächst vereinsintern die Besten küren, dann aber auch Wettkämpfe gegen andere Vereine bzw. Dörfer geführt, um schließlich den Meister von Lanzarote zu küren. Dies geschieht, wie beim Ringen allgemein üblich, in verschiedenen Alters- und Gewichtsklassen. Und schließlich messen sich die Besten auch noch auf den gesamten Kanaren, so dass die Mannschaften der einzelnen Vereine mehrfach im Jahr auf die anderen Kanarischen Inseln zu Gastspielen reisen müssen. So trafen im Jahre 1995 beispielsweise in der „Liga Régional del Gobierno de Canarias“ fünf Vereine aus Lanzarote (Tías, Yaiza, Tinajo, Tao und die Unión del Norte) auf 4 Teams aus Fuerteventura, zwei aus Gran Canaria und eines aus El Hierro. In dieser Zeit kam es außerdem in Mode, sich mit hervorragenden Ringern von den anderen Inseln zu verstärken. Man bedenke, dass der Lucha Canaria immer den Status einer reinen Amateursportart innehatte; aber dennoch viele Gemeinsamkeiten mit Profisport aufzuweisen hat.

 

Probleme mit dem Erhalt einer Tradition

 

Das war in den 90er Jahren. Vor noch nicht allzu langer Zeit also, als der Tourismus Geld in die Kassen der Gemeinden spülte und die der Tradition des Lucha Canaria verpflichteten Sportvereine davon profitieren konnten. Heute sieht das alles ein wenig anders aus: Ramón Tejera, seit über 30 Jahren Präsident des „Club de Lucha de San Bartolomé“, früher selbst ein bekannter und erfolgreicher luchador, weiß, wovon er spricht, wenn er mit Sorgenfalten darauf hinweist, dass auf Lanzarote, aber nicht nur hier, die Wettbewerbsfähigkeit der Vereine vor allem aufgrund von Geldmangel deutlich nachgelassen hat. Eine Mannschaft, bestehend aus 16 luchadores (von denen 12 zum Wettkampf zugelassen werden), sowie Trainer und Betreuer, trainiert täglich, meist am Abend, zwei bis drei Stunden. Am Wochenende geht es zum Wettkampf. Eine solche Mannschaft aufzustellen und im interinsularen Vergleich zu behaupten, kostet jährlich etwa 90.000 Euro. Das kann ohne Sponsoren kaum aufgebracht werden, und auch das Cabildo von Lanzarote hält sich sparsam. Die Sponsoren haben in diesen Zeiten auch nicht das nötige Geld für die Sportförderung übrig, und so sieht es schlecht aus für Vergleiche mit anderen Mannschaften auf anderen Inseln. Derzeit führend auf den Kanarischen Inseln sind seit einigen Jahren Teams aus Teneriffa; Mannschaften aus Lanzarote sind in der höchsten regionalen Liga nicht vertreten.

 

Das ist bedauerlich, bedenkt man doch, dass die Tradition des Lucha Canaria für das Selbstverständnis der Canarios sehr wichtig ist, vor allem in Zeiten, da ihre Inseln sich für viele andere Völker geöffnet haben und kanarisches Kulturerbe in den Zeiten der Vermischung vieler ethnischer Gruppen gefördert und erhalten werden sollte.

 

Ein Kuriosum sorgt zumindest für ein „Taschengeld“ erfolgreicher Ringer: Der Sieger eines Kampfes kehrt, nachdem er dem Gegner aus dem Sand und aus dem Ring geholfen hat, noch einmal an die Wettkampfstätte zurück, wo er die Runde durch die Zuschauer macht. Diese haben Geldmünzen und –scheine gezückt, die sich der Sportler persönlich abholt. Oft werden die Münzen auch einfach von der Tribüne in den Sand geworfen und nicht selten hat sich der ruhmreiche Gewinner eines Kampfes nach dem Kampf die eine oder andere Beule durch ein hartes Geldstück eingefangen.

 

Kritiker wollen diese alte Tradition gerne abschaffen, da dies „in keinem anderen Sport weltweit übliche Praxis“ sei – aber gehört es nicht gerade zum Erhalt von Traditionen, dass man sich nicht an die Gepflogenheiten der anderen anpasst?

 

Die Grundregeln des Lucha Canaria……

 

sind schnell erklärt: Zwei Kontrahenten stehen sich im Ring gegenüber. Sie tragen eine spezielle Kleidung, die so genannte „Ropa de Brega“, bestehend aus einem Hemd und einer Hose aus grobem, dickem Stoff. Die Hose reicht bis unter die Knie, wird aber mehrfach hochgekrempelt, so dass der Gegner in der Grundstellung das Hosenbein des jeweils anderen fest greifen kann (mit vier Fingern innerhalb der Hosennaht und dem Daumen außerhalb).

 

Danach wird mit Hilfe verschiedenster Techniken oder „mañas“ (siehe Kasten) versucht, den Gegner aus dem Gleichgewicht zu bringen. Ziel ist es, den Kontrahenten zuerst mit einem anderen Körperteil als der Sohle des Fußes den Sand berühren zu lassen.

 

Schläge, Kopfstösse, Tritte und das „Fesseln“ der Arme des Gegners sind hierbei nicht erlaubt und werden von den Schiedsrichtern sofort mit der Disqualifikation des Delinquenten geahndet. Normalerweise wird im System „de tres, los dos mejores“ gerungen, was mit dem „best of three“ im Tennis und anderen Sportarten vergleichbar ist: Wenn nach zwei Runden mit jeweils 90 Sekunden Kampfzeit keiner der beiden Sportler beide Runden gewonnen hat, entscheidet ein dritter, auf 60 Sekunden angesetzter, Kampf über Sieg und Ruhm.

 

In Mannschaftswettbewerben scheidet ein besiegter Ringer aus und darf keine weiteren Kämpfe mehr bestreiten. Es gewinnt die Mannschaft, die zum Schluss als Einzige noch eigene, nicht ausgeschiedene Sportler übrig hat.

 

Ein Wettkampf im Lucha Canaria ist ein aufregendes, oft spannendes, lautstarkes Spektakel. Der regelkundige Zuschauer kommt sicherlich während eines länger andauernden Mannschaftskampfes auf seine Kosten. Hier auf Lanzarote können zumeist samstags die Vereinswettkämpfe und die Ausscheidungsturniere zur Kür des Besten der Insel in den diversen Arenen verfolgt werden. Tao (mehr als 1000 Plätze) und Tinajo (über 1500) besitzen eigene, nur dem Lucha Canaria gewidmete Sportstätten. Andere Vereine wie Arrecife, San Bartolomé, Teguise usw. haben ihr „terrero“ in die städtischen Sportzentren, so genannte „polideportivos“, eingebettet.

 

ALTERS- UND GEWICHTSKLASSEN:

 

Benjamin    jünger als 11 Jahre
Alevin        11 bis 12 Jahre
Infantil        13 bis 14 Jahre
Cadete        15 bis 16 Jahre
Juvenil        17 bis 18 Jahre
Senior         19 Jahre und älter

Senior weiblich:
weniger als 60 Kilogramm
60 bis 70 Kilogramm
Mehr als 70 Kilogramm

Juveniles weiblich:
weniger als 55 Kilogramm
55 bis 65 Kilogramm
Mehr als 65 Kilogramm

Senior und Juveniles männlich
weniger als 60 Kilogramm
60 bis 70 Kilogramm
70 bis 80 Kilogramm
80 bis 90 Kilogramm
90 bis 100 Kilogramm
100 bis 110 Kilogramm
Über 110 Kilogramm

 

Einige grundsätzliche Techniken
des Lucha Canaria:

 

El Principio de Brega (Beginn des Ringkampfes):
Beide Kämpfer stehen sich gegenüber, Knie gebeugt und die Hand an der hochgekrempelten Hosennaht des Gegners. Es darf in dieser Phase vor dem Kampf keinerlei Zug auf die Kleidung des Gegners ausgeführt werden und die Köpfe sollten sich auf gleichem Niveau befinden.

• „mañas de agarre“    (Griffe)
• cogida de muslo    (Griff am Schenkel)
• cogida de tobillo    Griff am gegnerischen Knöchel)
• cogida de corva    (Griff an Oberschenkel/Hüfte)
• cucharón    („Schöpflöffel“)
• sacón de aire    (Griff mit beiden Armen am Bein des Gegners)
• mañas de bloqueo    (Blockieren des Gegners)
• toque por dentro    (Block des gegnerischen Knies)
• toque por atrás    (Block der gegnerischen Hüfte)
• „garabato“    (“Beinstellen” auf Höhe des Schenkels)
• „pardelera“    (“Beinstellen” auf Höhe des Fußes)
• mañas de desvio    (Finten/Täuschungen)
• tronchada    (Griff und Druck auf die Wirbelsäule)

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>