Magic Lanzarote 2017

Ironman Lanzarote 2014: Das Rennen

magic lanzarote ironman 2014 diogenes 727

Eisen in Beinen und Armen? Und vor allem im Hirn, so scheint´s

 

Morgens um drei war die Welt noch in Ordnung.

 

 

Kein Lüftchen regte sich, weit vor dem Morgengrauen am grossen Tag des Ironman 2014.

Wenig geschlafen. Klar. Aber Kraft in den Beinen, und von der befürchteten Nervosität keine Spur. Ganz im Gegenteil: Der Stier schabt und trampelt ungeduldig mit den Hinterfüssen und will endlich los und seine Kraft rauslassen… .
Erste Hürde auf dem Weg zum glorreichen Einzug in die illustre Familie der Eisenmänner gut genommen! Auch die Hektik kurz vor Morgengrauen in der Wechselzone kann mich nicht aus der Ruhe bringen:
Luftpumpe zu tief auf das Ventil gedrückt und nur mit roher Gewalt wieder abgezogen – Ergebnis war ein abgerissenes Ventil und das Rad musste zum Techniker, bevor es überhaupt im Einsatz war. Prompt und professionell erledigt haben die das dort. Und immer noch genügend Zeit bis zum Start des Schwimmens bei aufgehender Sonne! Entschlossenheit konnte man einatmen an der Playa Grande von Puerto del Carmen, als sich über 2000 Menschen in den letzten Minuten vor dem Start bereit machten. Aber auch Unsicherheit in Anbetracht des Abenteuers, das vor uns lag. In jedem Kopf eine andere Story, warum man sich auf diese so spezielle Prüfung einlassen möchte. In jedem Körper steckt Wille und Disziplin. Denn ohne dies hätte man sich nicht angemeldet für ein Ereignis, dass das Leben verändert. Wie viele Stunden lang haben die Protagonisten, vor allem jene die ihren ersten Ironman bestreiten, wohl darüber nachgedacht, ob das wirklich ausreicht, was man in den Monaten vorher geleistet hatte?

lanzarote ironman 2014 schwimmen start

 

Was hab ich gezittert in den Monaten vorher. Wenn ich mir vorstellte, wie aufgeregt ich wohl direkt vor dem Start sein würde. Auch Kenneth Gasque, Renndirektor und dänisches Urgestein, seit Anbeginn 1992 Mr. Ironman von Lanzarote, erzählte davon, dass es nur 2 schwierige psychische Hürden auf dem Weg zum Finish gäbe: Die Anmeldung Monate vorher sowie den ersten Schritt ins Wasser am Wettkampftag. Nun. Vielleicht hab ich ja Tranquilizer geschluckt von denen ich nichts wusste – oder vermutlich einfach nur das Selbstbewusstsein desjenigen, der gut trainiert auf die Reise geht.

ein letztes Foto mit dem Töchterchen vor dem Start zur grossen Schleife…

Rein ins Wasser. In meinem Falle hiess das schön weit hinten und rechts aussen auf dem Rundkurs. Um lieber ein paar Meter mehr zu schwimmen, aber das grosse Hauen und Stechen im Ozean zu vermeiden. Sehr früh im Wettkampf wurde mir schmerzlich klar, dass ich etwas vergessen hatte in meinem ambitionierten Trainingsplan: Nämlich zu lernen, einfach meine Bahnen zu ziehen neben vielen vielen Anderen. Stattdessen musste ich einsehen, dass ich nicht gleichzeitig den Kopf unter Wasser halten und in Ruhe schwimmen kann, während neben- vor- und hinter mir andere Sportler ebenfalls dem Ziel näher schwimmen wollen.

Brustschwimmen also. Kopf aus dem Wasser, Schwimmbrille weg von den Augen.

Anders wäre ich der Orientierungslosigkeit nicht Herr geworden. Ein Anfängerfehler mit Folgen für die nun also noch stärker belasteten Beine. Aber in solch einem langen Wettkampf ist es eben wichtig, sich anzupassen, Konzepte zu entwickeln für den Ernstfall. Und in meinem Fall lieber den Sonnenaufgang und ein gepflegtes Schwimmen zu geniessen anstatt mich verrückt zu machen. Schliesslich wollen auch die Nerven während vieler Stunden aufreibenden Abenteuers so gut es geht geschont werden. Ein kurzer Wadenkrampf beim Verlassen des Wassers war die Quittung für viele ungewohnte Bewegungen, hat aber niemals an der Lust auf das Radfahren geknabbert.

Das Unangenehmste habe ich hinter mir, dachte ich um 9 Uhr als der Neoprenanzug eingetütet und die sandigen Zehen notdürftig geputzt waren. Jetzt folgt auf 180km Radstrecke quer über die Insel ein Genuss mit Schweisstropfen inklusive. So positiv ging ich auf die Strecke und habe die Anfeuerungen auf dem Weg hinaus aus Puerto del Carmen sehr genossen. Und die ersten gut drei Stunden habe ich mich an diesem guten Gefühl dann auch immer wieder aufgebaut. Der Wind wurde heftiger. Egal, das hat man ja trainiert. Heimvorteil auf Lanzarote. Einige Plätze gut machen bei einem Schnitt von über 25 km/h. Bis Kilometer 60 ungefähr habe ich die Überholmanöver gezählt, da stand es 68 zu 16 für mich. El Golfo war so wunderschön wie immer. Gänsehaut und gute Beine.

 

magic lanzarote ironman 2014 diogenes 727

Welcher Teufel mich geritten hat, dort in El Golfo mehrere klebrige “Power Bar” mit Erdbeergeschmack zu essen anstatt komplett auf meinen Gofio-Kraftkuchen zu vertrauen, weiss ich nicht so genau. Monate lang habe ich das Rezept verfeinert und im Training ausprobiert. Vermutlich war ich übermotiviert und dachte mir, ein bisschen zusätzliche “schnell umgesetzte Energie” könne nicht schaden. Und habe dabei eben jenen Anfängerfehler auf einer Langdistanz begangen, vor dem immer wieder gewarnt wird:

Probiere im Rennen nichts Neues aus, was Du nicht vorher im Training ausreichend getestet hast.

Die Quittung für diesen Übereifer sollte mir eine knappe Stunde später, so etwa während des Aufstieges auf der langen Geraden in die Feuerberge von Timanfaya, präsentiert werden. Statt schnell zugänglicher Energie gab es des Körpers schnell spürbaren Unmut gegen die chemische Keule, gegen hochgezüchtete Energie aus der Retorte! Es mag ja sein, dass in diesem Teufelszeug eine Menge wissenschaftlich bestätigtes Know-How steckt. Aber es ist ebenso sicher, dass Körper sich an diese sehr spezielle Form der Energieaufnahme gewöhnen sollten, da dies im Grunde unnatürliche Ernährung ist. Mein Kraftwerk jedenfalls hat sich geweigert, diese Stoffe umzuwandeln und wollte das Zeug nur noch loswerden. Die restlichen über 5 Stunden auf dem Rad gabs also das flaue Gefühl in Magen und der Brust. Höchstleistugen in der Mittagshitze, aber immer nahe der “Kotzgrenze”. Wie gerne hätte ich mich bei der Durchfahrt durch mein Heimatörtchen Teguise einfach vom Rad fallen lassen, mal ordentlich übergeben und mich dann ins Bett gelegt. Stattdessen aber hatte ich nun den aufregenden Tanz über die Berge vor mir; den härtesten Part der Radstrecke, rund 1200 Höhenmeter bei Gegenwind mit Schmackes!

Im Vorfeld haben mir die “Alten Hasen”, mehrfache Ironmänner und -Frauen, von diesen Momenten erzählt, in denen man aufgeben möchte. Dass diese Phasen auf jeden Fall kommen würden, aber nur von kurzer Dauer seien. Dass ein bisschen Lust im Kopf, gepaart mit dem Durchhaltewillen und dem antrainierten Selbstbewusstsein darüber hinweghelfen. Keiner hat mir gesagt, dass der Kampf gegen die Übelkeit und damit verbunden die Gratwanderung zwischen Aufgeben und weiter Quälen stundenlang andauern kann. Im Training habe ich nur einmal kurz den so genannten “Hungerast” gespürt, ansonsten gab es kein vergleichbares Gefühl. Mann, im Alltag legt man sich bei so einer Krankheit ins Bett oder hängt halt im Badezimmer ein Weilchen über der Toilettenschüssel. Falls es einem auf dem Fahrrad erwischt, fährt man halt gaaanz smooth nach Hause um die armen Innereien nicht noch mehr aufzuregen. Aber hier und jetzt war Renntag. Ironman. Ein Jahr lang dafür trainiert, dass man kollabiert?

Aufgeben gilt nicht. Was also tun?

Buddhistisch-meditativer Dialog des Geistes mit dem Körper während all jener Höhenmeter: “Okay, mein lieber Organismus: Du lässt mich weiter fahren und reisst Dich gefälligst ein bisschen zusammen während der kommenden Stunden. Als Gegenleistung zahl ich Dir einen ordentlichen Preis, nehme trotz perfekter Beine den Speed aus dem Rennen und schone Dich so gut es geht. Einverstanden?”
Der Körper hat stundenlang gemurrt und geknurrt, mich immer wieder an diesen deal erinnert wenn es um den Monte Corona herum ging oder zwischen Arrieta und Tahiche mal so richtig heiss wurde. Und mein Hirn hat die neue Einteilung verinnerlicht. Von nun an ging es ums Überleben. Kilometerschnitt im Eimer, Kondition bestens, Magen flau. Das Abenteuer Ironman war nun tatsächlich zur persönlichen Zerreissprobe geworden.

Übelkeit,
Schwärze und Geflimmer vor den Augen.
Kosmische Müdigkeit.
Mehrfach musste ich aufpassen, auf dem Rad nicht in irgendeine Form der Lethargie oder gar Agonie abzudriften.
Aber dann auch Lichtblicke auf der einsamen Reise am Rande des Kollapses: Dann auf einmal wecken mich Trillerpfeifen, jede Menge knallgelbe Hemden, wild herumspringende lustige Leute, die offensichtlich auf einen speziellen Teilnehmer eine weit längere Zeit als geplant gewartet hatten:

Der 727-Fanclub Lanzarote Nord!

Eine kleine feine Horde hat mir die letzten Zweifel genommen, ob sich der Kampf mit dem eigenen wütenden und rebellischen Körper heute wirklich lohnt. Die haben auf die Leitplanken draufgehauen als wollten sie sie kaputt schlagen. Sind mir mit dem Auto flugs hinterhergefahren, um sich weiter vorne auf der Strecke erneut aufzustellen. Anfangs, kurz vor Arrieta, habe ich die gelbe Gruppe in meiner einsamen Agonie fast nicht wahr genommen. Aber dann haben sie mir auf schweren, extrem heissen Kilometern den Rückenwind gegeben. Nächster psychischer Wendepunkt in einem langen, langen Rennen. Die Berge mit Ach und Krach überstanden, das Ziel zwar noch weit weg, aber wieder erreichbar. Rauf nach Nazaret und da stand auch schon die nächste Gruppe bereit. Ablösung, Staffellauf. GO dio, 727. Das sind kurze Momente nur, für die sich die unermüdlichen Freunde lange Minuten oder gar Stunden die Beine in den Bauch stehen. Handies und die sozialen Netzwerke laufen heiss um den Jubel zu koordinieren. Aber diese kurzen Momente sind für den Kämpfer so entscheidend. Wenn die Frage nach dem “warum” in einem immer wieder aufkommt, dann sind die Menschen da draussen eine wichtige Antwort darauf. Ich tu es für mich, habe gut trainiert und mir ein utopisches Ziel in greifbare Nähe gerückt. Aber ich tu es auch für euch, denn ich möchte eure Mühe belohnen, die Vorbereitungen, das Warten und die gute Laune, und nicht zuletzt euer Vertrauen in die Meisterschaft, die ich vor mir habe. Ihr steht da draussen herum weil es Helden sonst nur im Fernsehen gibt und weil heute einer unter euch ist den ihr kennt und der da raus auf die Strecke gegangen ist, um sich und euch davon zu überzeugen, dass die Menschen eine ganze Menge Kraft zu bieten haben. Positive Kraft, Optimismus, inspirierende Leistung.
In euren simplen Sätzen, “GOOOOOO, Du schaffst das, weiter so”… drückt sich unser freundschaftliches Miteinander aus und Eure ehrliche Teilhabe an meiner Qual und meiner Leistung. Dankeschön, immer wieder.

Ich bin stolz darauf, euch das Abenteuer zu liefern und sehr glücklich darüber, Freunde und Mitstreiter zu haben!

 

Profis im Krachmachen und Zerbeulen von Leitplanken… .

lanzarote ironman lanzarote 2014

 

Die letzten 40 Kilometer. Nicht an den Marathon denken sondern an die überstandenen Strapazen. An das, was ich bereits geleistet habe.

Leider ist der Blick auf die Schönheiten der Insel dabei abhanden gekommen, den ich im Training so oft genossen hatte. Aber egal. Es ist spät am Nachmittag, die Zeit ist aber immer noch okay. Dafür hat man auch trainiert, für das Zeitpolster im Falle eines Falles. Der Marathon wird nun zum Rechenspiel, die Medaille gibts nun mal nur bei einer Zeit unter 17 Stunden.

Dass ich mir die Übelkeit aus dem Körper rauslaufen könne, hat mir Sportsfreund Carlos gegen Ende der Radfolter noch mit auf den Weg gegeben. Solche Sätze sind der Stoff, aus dem die Hoffnung ist. Diese Worte haben mich am Anfang des Marathons begleitet und mir Auftrieb gegeben. Ob´s wirklich stimmt? Wer weiss, bei mir hat das jedenfalls auf meine trotz Allem immer positiv gestimmte Psyche gut gewirkt. Locker anlaufen, das Bad in der Menge geniessen. Nicht daran denken, dass über 40 Kilometer auf mich warten. Erst einmal ganz vorsichtig neue Energie aufnehmen.

Bananan. Nur noch Bananen.

In der Hoffnung, dass diese ganz natürliche Kraftquelle einerseits ausreicht und andererseits den geschundenen Magen beruhigt. Die Power Bars, jene chemische Keule der ich den Rückwärtsgang durch meine Speiseröhre stundenlang nicht erlaubt hatte, wollte der Körper nun auf klassischem Wege loswerden. Allerdings waren jene viel zu sparsam aufgestellten Dixi-Toilettenhäuschen nicht geeignet, um die Reste meiner Übelkeit zu vertreiben, ganz im Gegenteil! Daher musste ich zwangsläufig auf ein paar Bars und Restaurants warten und ein paar Meter sowie diverse Rennminuten mehr für einige Abstecher aufs stille Örtchen in Kauf nehmen. Laufen, Gehen. Laufen, Gehen. Stehen Bleiben und wieder mit dem Laufen beginnen. Hundert mal vielleicht. Immer wieder den nun in aller Macht präsenten inneren Schweinehund zurückpfeifen, der da seinen gemütlichen Spaziergang einfordert. So viel Zeit hatte ich nicht. Die Rechenspiele in meinem Kopf ergaben eine erlaubte Durchschnittszeit von 8 Minuten pro Kilometer. Ein Witz für mich als Marathonläufer. Normalerweise, aber eben nicht bei einem Marathon nach all jenen Stunden Arbeit vorher.

Ein Marathonlauf zum Schluss des Ironman ist nicht zu vergleichen mit einem normalen Rennen über 42 Kilometer.

Diese Tatsache hatte für mich den entscheidenden psychisch wertvollen Vorteil, dass die Quälerei nicht erst beim berühmten Kilometer 30 begann, sondern sowieso schon seit dem ersten Schritt zu meinen Begleitern zählte. Hintenraus wurde es also nicht mehr schlimmer. Erstaunlich, dass man solch einen Aspekt mit Zufriedenheit wahrnimmt. Der Geist der Ausdauersportler kommt hier wohl an die Oberfläche. Es wurde dunkel und auf der Strecke zählte ich immer weniger Menschen. Dafür standen überall diese Medaillenträger bereits herum, die einem den hoch gestreckten Daumen zeigten und auf die ich in diesen Momenten dann doch neidisch war. Dennoch: Die letzten 15 Kilometer, die letzten 2 Stunden Marathonlauf im abendlich-windigen Puerto del Carmen waren ein Genuss! Zähflüssig und schmerzhaft. Aber von der Aussicht auf den ultimativen Erfolg veredelt. Die magische 17-Stunden-Marke fest im Griff. DIe Ziele im Laufe des Tages weit nach unten korrigiert, klar. Aber was zählt das in diesem Moment schon. Inmitten dieser unbeschreiblichen Atmosphäre voller stolzer Menschen, die grossartig gekämpft haben und von denen jeder eine Geschichte zu erzählen hat. Inmitten von Fans und Freiwilligen, die bis zum letzten Mann immer ein Lächeln für uns Helden übrig hatten, eine Umarmung und ein Stück Banane. Eine grossartige Leistung. Angespornt von uns Eisenleuten haben diese Menschen so viel Einsatz und Lebensfreude gezeigt. Allein für solch ein Miteinander lohnt sich jener extreme Sport, den viele belächeln. Aber wenn es nicht an die Grenzen geht, ist auch nicht so viel Spannung in der Luft. Nicht so viel Stimmung und nicht diese Begeisterung und dieses spezielle friedliche Ambiente, das davon kündet, wie wir Menschen auch sein können. Bereit, über uns hinaus zu gehen. Kampfeslustig, ohne Krieg gegen andere zu führen. Nur ein Kampf im eigenen Inneren. Wenn alle Menschen ihren Kriegstrieb auf diese Art und Weise ausleben würden, ich bin mir ganz sicher, es gäbe kaum noch ernsthafte Konflikte auf dieser Welt. Ironman macht demütig. Selbstbewusst und von sich überzeugt auf der einen Seite, aber ausgepowert und ohne Kraft für unnütze Konflikte andererseits. Respekt vor den Menschen bleibt zurück, und kaum ein Zweifel an der grundsätzlich freundlichen Natur des Menschen. Sport has the power to change the world!

Die letzten 5 Kilometer vergingen wie im Fluge.

Nicht zuletzt dank einem Blümchen, das ich am Wegesrand aufsammeln durfte. Da sprach mich doch im Halbdunkel von Matagorda jemand an, ob ich die Runde abgekürzt habe. Und wie es denn dazu käme, dass ich nach all den Leiden immer noch ein breites Grinsen auf meinem Gesicht hätte. Eine knappe halbe Stunde lang hat mich Mariesheen aus Irland während der Schlusskilometer mit ihren Fragen gelöchert und mir damit die Gelegenheit gegeben, den Druck abzubauen, der mich nicht nur während der Einsamkeit des Wettkampfes, sondern in all den Trainingsmonaten vorher aufgebaut hatte. Ihre Resonanz auf meine kleinen Geschichten hat mich bis kurz vor das Ziel getragen und mir gezeigt, dass alles richtig ist! Nach all den Selbstzweifeln im Verlaufe des langen Tages hatte ich ganz vergessen, dass ich nach Aussen dennoch den Eindruck eines Mannes machte, der jede Stunde dieses Tages trotz grosser Anstrengung geniessen kann! Der offenbar, ich glaubte es kaum, auch nach über 16 Stunden am Limit noch Stärke und eine Menge Freude ausstrahlt. Es ist wunderbar, solche Resonanz zu erhalten nach so viel Einsamkeit auf den langen 227 Kilometern im Kampf nur mit Dir selbst!

Zieleinlauf. Auf Wolken. Natürlich.

 

ironman lanzarote ironman 2014

 

Das Töchterchen steht bereit.
Die Fans haben tapfer und sehr lange ausgehalten. SIe machen einen Lärm wie für den Gewinn bei der Weltmeisterschaft.
Rennzeit: unwichtig.
Das Zielband wartet auf den Ersten Sieger, auch wenn er Platz 1872 belegt… .


Eine unbeschreibliche Lautstärke.
Die Trillerpfeifen aus Arrieta sind mittendrin. Ohrenbetäubender Lärm, für den Heimkommenden und frisch gebackenen Eisenmann am Ziel seiner monatelangen Träume eine Symphonie.
Wie oft habe ich während mehrerer tausend Trainingskilometer und vieler vieler Stunden Arbeit und Schweiss dieses Bild vor Augen gesehen und habe mir doch nicht vorstellen können, wie die Wirklichkeit aussieht.

Medaille und Fotos.
Kein bisschen Schmerz ist jetzt mehr übrig.
Noch kein Stolz.
Nur Dasein.
Angekommen.
Fertig.
Überlebt.
Alle Rekorde gebrochen, alle Zweifel besiegt.

“I will enjoy my race” – ich werde das Rennen geniessen, habe ich im Vorfeld vielen erzählt. 

Das sagt sich so einfach. Letztendlich habe ich das Optimum herausgeholt, trotz stundenlanger Übelkeit. Ich habe nicht unbedingt das Rennen selbst genossen, so wie geplant. Aber ich geniesse die Erfahrungen im Grenzbereich des Machbaren. Dafür bin ich doch schliesslich überhaupt angetreten. Wollte ich einfach nur ein Rennen bestreiten und mich sportlich fit halten sowie mir und anderen Menschen meine Einsatzbereitschaft und Disziplin zeigen, dann muss ich mir keinen Ironman aussuchen. Hier geht es um mehr als drei Sportarten und ein paar Stunden Fleiss. Die Philosophie nämlich, immer wieder an und über seine Grenzen zu gehen. Sich selbst zu fordern und damit zu fördern. Diese Ereignisse, die einem selbst zeigen, wozu man fähig ist, geben Selbstbewusstsein und innere Ruhe. Welches Alltagsproblem soll sich einem Menschen ernsthaft in den Weg stellen, der diese 227 Kilometer bezwungen hat? Unsicherheit und Unzufriedenheit sind in unserer Wohlstandsgesellschaft allzu verbreitet. Man neigt gerne dazu, das Leben im Allgemeinen und die anderen Menschen verantwortlich zu machen für seinen eigenen Kummer und Ärger. Aber ich kann nur allen, die dies lesen dazu raten, sich ein derartiges Ziel zu suchen, das unerreichbar scheint und es dennoch nicht ist, wenn man nur ein paar Anfangswiderstände überwindet und danach tapfer dabei bleibt. Denn das Erreichen derartiger Ziele erfüllt den Menschen wie von selbst mit einer plötzlichen Einsicht in das Wunder unseres Daseins. “Anything is possible”, dieser etwas oberflächlich anmutende Leitsatz der Ironman-Familie, hat so betrachtet einen tieferen Hintergrund:

Verändert es doch entscheidend die eigene Wahrnehmung, wenn man begreift, was alles möglich ist, wenn man nur anfängt.

Jeden Tag darauf hin arbeitet und Enttäuschungen einfach wegsteckt, sie im Zusammenhang des grossen Traumes sogar als notwendige Meilensteine betrachtet. Gut und Böse werden transzendiert, so wie Buddha es immer fordert. Denn “Böse” sind der Wind und der Anstieg und die Übelkeit über mehrere Stunden hinweg. Und dennoch gibts nur so viel strahlendes Licht dank dieses Schattens des angeblich “Bösen”. Sobald man auf dem Weg ist und ein hohes Ziel fixiert und es dann nicht mehr aus den Augen verliert, wird gut und schlecht ein wenig anders definiert.

Aber ich schweife ab in die Sphären ausserhalb des Sportes und komme daher mit einem schönen Abschlussbeispiel wieder auf den Boden der Tatsachen zurück: Stellt euch vor, der Wind bläst in Teguise so heftig wie nie zuvor. Eigentlich ein “schlechtes” Wetter für eine ordentliche Trainingseinheit rauf auf den Mirador del Rio. Aber für dich, der du bald in die Familie der Eisenleute gehören möchtest, ist das Quatsch. Schlechtes Wetter? Beste Bedingungen! Mit einem Grinsen in den Mundwinkeln wird der Gegenwind oder die unbarmherzige Sonne quittiert. Es gibt kein Böse und kein Gut. Es gibt nur die Natur da draussen und das Ziel da drinnen. Das ist der Stoff, aus dem die Idee des Ironman geformt wird und das ist die Hoffnung, die ich für die Zukunft und für uns alle habe: Gehen wir raus und trainieren. Gehen wir an unsere Grenzen und darüber hinaus. Erleben wir eine unvorstellbare Zufriedenheit und Seelenruhe, weil wir uns stolz und gerade in die Augen schauen können. Nein. Nicht jeder muss ein “Ironman” werden, um dies zu erleben. Jeder hat sein eigenes persönliches Limit, es gibt immer Horizonte zu erweitern, und natürlich auch nicht nur in körperlich-sportlicher Hinsicht.

 

ironman lanzarote 2014 diogenes 727

 

Aber ich warne euch, Leute: Es macht so viel Laune, das eigene Limit, diesen Horizont des Machbaren immer ein Stückchen weiter hinaus zu schieben dank der eigenen Einsatzbereitschaft, dass auch ihr eines Tages vielleicht in diesem komischen Wettkampf enden könntet, morgens um 7 die Badekappe auf dem Kopf, die Kriegslust, Angst und Entschlossenheit im Blick. Schnaubend wie der wilde Stier in seiner Box und bereit zur ultimativen Prüfung für Körper, Geist und Seele.

Einige links zu Fotos und Videos (Liste wird noch aktualisiert)

Und auch an die 180 tollen Sportler, die am 17.5.2014 das Ziel nicht oder zu spät erreicht haben, geht der allergrößte Respekt! Haben sie doch dennoch ihr Leben auf die grosse Herausforderung eingestellt und sich angemeldet im Wissen und in der Hoffnung, es schaffen zu können!
Es gibt ein nächstes Mal. Mund abputzen und auf ein Neues. Lanzarote macht es uns nicht leicht, das Ziel zu erreichen. Aber wir sind ja auch alle bei diesem Wettkampf angetreten, um Grenzen auszuloten. Keiner hat gesagt, es würde einfach sein.

Dankeschön vorab an dieser Stelle an Euch Alle, die ihr bei mir wart und ein Stück zur Erfüllung des Traumes beigetragen habt!
Luza, mein Töchterchen. Motivation seit vielen Jahren. Wir gehen gemeinsam durch dick und dünn und ich freue mich, dass Du so bist wie Du bist. Hast am 17.5. Deinen Papi glücklich gemacht und viele Sympathien gewonnen.
Und an alle meine Freunde und Sponsoren – mögen wir noch viele gute Ideen gemeinsam verwirklichen!

magic lanzarote ironman lanzarote sport sponsors