Magic Lanzarote 2017

Bequem und kraftvoll: Richtiges Sitzen auf der Fahrradcouch

Der autodidaktisch trainierende, lernende und einen ganzen Fahrradkorb voll Fehler machende Ironman-Anwärter hat sich in den vergangenen Monaten durch ein Wellental von unterschiedlichen Seinszuständen gehechelt. Er hat zum Beispiel in nur 2 Monaten ohne Trainer das Kraulschwimmen gelernt, besser gesagt er wird es wohl nie lernen, aber er kommt nun passabel durch das Wasser (1:30h für die 3.8 Kilometer). Er hat ganz neue Seiten kennengelernt an seinem Körper. Fett ist dahin geschmolzen wie heisses Kerzenwachs, und das trotz unbeschreiblicher Fressorgien. Hundemüde war er nach mehreren Stunden Training, und dennoch konnte er kein Auge zudrücken, da er aufgekratzt war wie ein Teenie nach dem ersten Liebesbrief.

Und er hat sein Hinterteil neu kennen gelernt. Seinen Rücken, seine Handgelenke, Achillessehnen…, kurz, alles, was auf einem unbequemen Fahrradsattel und einem vibrierenden Lenker so aufliegt und was beim stundenlangen Kurbeln der Pedale in Mitleidenschaft gezogen wird.

Rückblick: Fahrradfahren war vor dem Ironman etwas, was man mal am Wochenende mit der Tochter tut. Mit dem Picknick-Körbchen im Fahrradkörbchen und mit ordentlich Muskelkater nach maximal dreissig heroischen Kilometern.

Dann im August 2013 das erste schnuckelige Rennrad für die Vorbereitung gekauft. Kein Carbon. Viel zu teuer, nur für die paar Grämmchen weniger Gewicht. Solides Aluminium, mehr Wert legend auf die Farben denn auf die Schaltung. Anfängergebaren eben.

magic lanzarote ironman 2014 fahrrad diogenes

Wenigstens habe ich das Lenkerband selbst gewickelt, sonst wäre die “Dienstleistung” bei diesem “Profi” vermutlich unbezahlbar geworden…

(Update nach rund 4000 Kilometern: Ich liebe mein Rad ohne Wenn und Aber und es ist absolut brauchbar für meine Zwecke!)

Genauso anfängerhaft bin ich mit der Frage umgegangen, wie ich denn auf dem Drahtesel zu sitzen hätte. Gut, man hat im Internet mal was von Ergonomie gelesen und man ist sich durchaus darüber im Klaren, dass die Vorbereitung auf 180 Kilometer am Stück es erfordert, zur Fahrradcouch-Kartoffel zu mutieren. Dass man daher dafür sorgen solle, den Allerwertesten nicht wund zu scheuern und keinen Bandscheibenvorfall zu riskieren.

Also geht man zum “Profi” und lässt sich Sattel und Lenker am neuen Velo einstellen.

Der Profi war ein Fahrradladen in Friedberg/Bayern.
Als junger Bursche hatte ich einen alten Rentner, der sich um mein Rad und diverse Wehwehchen des selben schnell und preiswert kümmerte. Um so erstaunter war ich über Preise wie beim Automechaniker dort im Radladen, und über einen hektischen, irgendwie nur scheinfreundlichen Mann, der mein fremd gekauftes Zweirad nur mit grossem Widerwillen überhaupt unter seine Fittiche nahm. Auf mein Bitten hin, mir Anfänger doch zu erklären, worauf man für eine korrekte Sitzposition zu achten habe, fragte er mich nach meiner Körpergrösse. Er bat mich, ungefähr selbst zu sagen wie ich denn sitzen wolle. Er justierte den Sattel, schraubte ihn fest und gut wars. Der Lenker wurde mit ein paar Ringen versehen. Aus. Die gesamte Aktion kostete stolze 60 Ocken und generös meinte der Chef, eigentlich habe es ja wesentlich länger gedauert, das Rad fertig zu montieren, aber man wolle ja nicht so sein. Zu meinem Fahrrad, auf das ich ja stolz wie Oscar war, meinte er dann noch, ganz Profi und mit dem wissenden, haushoch überlegenen Blick:”Na, mit der Botteccia-Kurbel werden Sie nie richtig Spass haben”. Danke fürs Gespräch, Herr Dreste!
Nachdem er dann noch cirka 10 Minuten lang die sehr liebevoll mit der Hand geschriebene Rechnung suchen musste, dachte ich, es sei wenigstens noch Zeit, ein paar Fachfragen stellen zu können, um meiner Unsicherheit im Umgang mit dem Maschinchen Herr zu werden. Zur Antwort auf  die Frage, wie ich denn zu schmieren und zu pflegen habe, kam ein kurz angebundenes “das haben wir ja jetzt hier ausreichend getan, da brauchen Sie sich erst einmal nicht darum zu kümmern”. Weitere Fragen blieben mir im Halse stecken und ich wartete brav und eingeschüchtert auf die Rechnung, die mir jetzt schon eher wie ein Strafzettel vorkam.

Derart um mein Urlaubsgeld erleichtert ging ich meiner Wege, schüttelte aber den Frust ab und setzte mich aufs Rad.

Bis vor 14 Tagen fuhr ich damit meine Runden. Ein paar Kilometer sind im Laufe der Monate dabei herausgekommen… .
Allerdings häufig mit tauben Füssen, mit einem eigenartigem Ziehen in der Achillessehne und einem “unerklärlichen” Scheuern am Fußgelenk. Mit diversen Krämpfen so ab 60 Kilometern. Und mit einem Sattel, das weiss ich jetzt, der satte 7 bis 8 cm zu tief eingestellt war. Kein Wunder, dass das weh tun muss – diese Positionierung kann man einem Unwissenden natürlich ohne mit der Wimper zu zucken andrehen, das grenzt aber schon an Körperverletzung. Dazu dann auch ein Lenker, der 2 cm zu weit oben fixiert wurde und der offenbar einfach so festgeschraubt worden war ohne sich auch nur den geringsten Gedanken um meine Handgelenke beim Bremsen usw. zu machen. Ich hatte ja kein stundenlanges Ausloten der Position erwartet, aber ein wenig individuelle Anpassung, ein paar Minuten persönliche Besprechung mit dem Kunden sollten es doch wohl sein. Kurz: Der “Profi”, der mit “80 Jahren Erfahrung” grossspurig auf seiner Webseite Werbung macht, hat eine Arbeit für gutes Geld abgeliefert, die ich selbst ohne einen Funken Sachverstand ebenfalls fertig gebracht hätte. Noch nicht mal die Plastikstöpsel am Lenker haben sie mir anständig montiert bei Fahrrad Dresde in Augsburg-Hochzoll.

Seinerzeit, im August 2013, wusste ich von all dem Frakasso noch nichts. Schliesslich war ich ja autodidaktisch unterwegs und wollte, musste meine Fehler machen. Dass ich derart abgezockt werde, hätte ich nicht gedacht, kannte ich doch wie erwähnt nur meinen alten Rentner mit dem Schmierölkännchen in seiner Hinterhof-Garage, der alle alten Böcke von uns jungen Kerlen hegte und pflegte. Ich frage mich, wo die Jugendlichen heutzutage hingehen und ihre Räder fit machen lassen. Wenn sie für jeden “Platten” in derartigen Schicki-Micki-Power-Radläden gleich ihr Monats-Taschengeld auf die Theke blättern müssen, na, dann wunderts mich nicht, dass sie lieber faul an ihren Handies hängen… . Aber vermutloch wird dort eh´jeder, der mit eiem Rahmen unterhalb der 1500 Euro-Grenze anzukommen wagt, ähnlich kurz angebunden hinausgeekelt wie man es zunächst auch mit mir versucht hatte. Einen Termin in 2 Wochen könne man mir anbieten, herrjeh, das ist ja schlimmer als die Wartezeit für eine Hüft-OP in London.
Da lobe ich mir meinen “Más deportes” in San Bartolomé, Lanzarote. Dort haben sie neulich für einen Zehner abends um 19 Uhr noch eine halbe Überstunde eingelegt, weil dank eines Materialfehlers an meinem Aldi-Schrottrad (so in etwa kam mir mein Baby in Gegenwart des edlen Herrn Chef im Laden in Augsburg zumindest vor) das Vorderrad schlackerte!

Naiv und unwissend aber glücklich mit meinem schnittigen Italiener aus Aluminium ging ich nach dieser feinen “Beratung” auf meine ersten Kilometer, freute mich am ruhigen und reibungslosen Lauf von Schaltung und so weiter und pflegte ahnungslos meine tauben Extremitäten und meine Wadenkrämpfe.

Und so würde ich auch heute noch reichlich krumm und schief herumgurken und mich vermutlich am 17. Mai anlässlich des Ironman Lanzarote grundlos noch ein gutes Eck mehr quälen!

Glücklicherweise begegnete mir dann auf dem Vulkaninselchen ein alter Bekannter, selbst schon im Jahre 2006 mit Ironman-Weihwasser gewaschen! David überholte mich eines schönen Tages im Norden von Lanzarote und hatte mir auf Füsse und Waden geschaut. Sein lapidarer Kommentar “Dein Sattel ist viel zu tief, geh mal so bald wie möglich zu meinem Guru, der stellt dir das anständig ein” eröffnete mir, gerade noch rechtzeitig vor dem grossen Wettkampf in ein paar Wochen, die grosse weite Welt des “bike-fittings”.

Gesagt, getan. Irgendwo auf dem Lande, in einer alten Finca, ohne schickes Schaufenster eines Radladens und ohne teure Leuchtreklame, die dann im Endeffekt der Kunde zu zahlen hat, sitzt ein belgischer Tüftler neben seinem Schachbrett, spannt mein verstelltes Rad auf die Rolle, lässt mich barfuss auf einem Blatt Papier stehen, verstellt die Schuhplatten akribisch um ein paar Millimeter und behauptet, ohne dass man sich erst einmal eine halbe Stunde mit den cleats befasse, gehe da gar nichts.

Es folgt eine rundum-Kontrolle. Hier ein Schräubchen, da ein Millimeter. Alles garniert mit interessanten Stories rund um die menschliche und die radliche Anatomie. Mein preislich im unteren Segment angesiedelter null-acht-fünfzehn-Renner wird behandelt wie der Carbonbomber vom Alberto Contador. Ich fühle mich wie ein Profi. Wow. Und nach rund drei Stunden gehe ich aus dem anheimelnden “Labor” von Thomas Karel Goossens wieder raus und weiss endlich, was ich da eigentlich für eine Maschine unter dem Allerwertesten habe, worauf ich achten soll, was ich verbessern kann… . Mann, tut das gut.

magic lanzarote ironman diogenes 2014 fahrrad goossens

endlich einer, der sich mit meinem Rad gebührend und liebevoll zu beschäftigen weiss!

Die ersten Kilometer in der neuen Position sind ungewohnt. Wieder melden sich ungeahnte Muskelstränge nach den Trainingsfahrten zu Wort. Glücklicherweise sind es noch 6 Wochen bis zum grossen Tag. Also raus aufs Rad und langsam merken, dass ich wesentlich mehr Power auf der Strecke entwickeln kann, als mir noch vor ein paar Tagen bewusst war.

Wer es mir gleich tut und sich ohne grosse Vorkenntnisse in solch ein Abenteuer stürzt, der möge auch seine eigenen Fehler machen. Schliesslich lerne man dank der Beispiele am eigenen Leib wesentlich besser zu schätzen, wenn es dann irgendwann alles besser läuft. So gesehen sollte ich dem hektischen Kerl aus Süddeutschland zum Dank verpflichtet sein. Was Thomas mir an Fachjargon neben dem Schachbrett so alles mit auf dem Weg gegeben hat, hätte ich ohne die leidvollen Erfahrungen mit dem vorher stümperhaft eingestellten Velo sicher kaum überhaupt begriffen. Dennoch: Ich werde mein Rad und meine Gelenke nicht wieder für einen saftigen Stundenlohn irgendwelchen Pseudo-Profis geben, die sich noch nicht einmal die Zeit nehmen wollen, mir einfachste Fragen zu beantworten.